Text von Anastasia Aprelkova, Prince House Gallery Mannheim zu Atelierbesuch vom 4.01.20:

 

#Atelierbesuch bei Wolf Becke 

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Montag, 4. Januar. Ein Atelierbesuch bei Wolf Becke ist das Einzige, was mich aus dem Bett kriegt. Um 10:29 Uhr steige ich aus dem Auto aus und bewege mich mit vor aufgeregter Vorfreude klopfendem Herzen auf die 12-stöckige 70er-Jahre Großbaute in der Denzlinger Straße 16, Freiburg zu. Ein ungewöhnlicher Ort für ein Atelier, denke ich. Meiner romantisierten Vorstellung von einer mit bunten Farbeimern und Staffeleien vollgepferchten, abgelegenen Scheune entspricht es zumindest nicht.

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Dass ein Künstler 2015 in der Hochhaussiedlung sein Atelier eröffnet hat, hat unter den rund 1000 Einwohnern natürlich längst die Runde gemacht. Beckes Atelier ist ein ehemaliger Kiosk, der die Bewohner mit Lebensmitteln und allerlei Schnickschnack versorgt hat. Durch die Eröffnung eines Supermarktes in unmittelbarer Nähe musste der Kiosk schließen. Heute werden die Bewohner mit Kunst und Kultur versorgt - zumindest mit der Vorstellung daran.

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Das Atelier ist langgezogen aber winzig. So klein, dass Becke für die Trocknung seiner Druckgrafiken - ein Prozess, der um die 2 Wochen dauern kann - zusätzliche Regale bis unter die 3 Meter hohe Decke montiert hat. Das Atelier ist sehr funktional aufgebaut und gewährleistet dem Künstler eine klare Arbeitsteilung: Eine Sitzecke am Eingang zum Kaffeetrinken und Gedankensammeln, ein Tisch zum Entwerfen und Bearbeiten der Grafiken, einige Ablagestellen und schließlich die enorm schwere Druckpresse. Wie Wolf Becke diese in das Atelier gebracht hat ist und bleibt ein Mysterium.

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Die Druckpresse ermöglichte dem Künstler Experimente mit druckgrafischen Verfahren und markiert ab 2015 einen Stilwandel in seinem Werk. Becke entwickelte die Gravure offset traité - eine einzigartige Kombination aus Hoch- und Tiefdruck, die heute zu seinem Markenzeichen gehört.

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Mit dem Umzug in den alten Kiosk hat Wolf Becke nicht nur einen erfolgreichen Standortwechsel vollzogen, sondern zugleich einen Personalstil gefunden, der seine Werke unverkennbar macht. 

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Nähere Informationen zu Wolf Becke und der Gravure offset traité sowie eine Übersicht der verfügbaren Werke findet ihr auf princehouse.de in der Rubrik „Artists“.


 

Text von Anastasia Aprelkova zu „Wo sind die Kirschen II“

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Wolf Becke thematisiert in dieser Druckgrafik die Auswirkungen von Krisen auf die Kunst- und Kulturszene. Ein Thema, das im Moment viele bewegt.

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Bei dem Vogel handelt es sich um niemand anderen als den Künstler selbst, beziehungsweise einen Künstler. Dieser blickt hoffnungsvoll zum kargen Baum und fragt sich, wo die Aufträge sind, das Geld, die Kirschen eben.

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Obwohl das Bild die Krise thematisiert, vermittelt es keine kopflose Verzweiflung über die Situation, sondern vielmehr Hoffnung. Wie der Vogel, so kann auch der Künstler trotzt, vielleicht sogar wegen der Krise beflügelt werden.
Und wer weiß: Vielleicht lassen sich die Kirschen 2021 bereits im Frühling ernten.


Text von Anastasia Aprelkova,  Webseite der Prince House Gallery:

 

„Drucken ist eine Begegnung des Zufalls mit dem Sinnvollen. Drucken bedeutet das Erlebnis des Machens mit gleichzeitiger Kontrolle.“ –

Motto von Wolf Becke nach HAP Grieshaber

 

Wolf Becke hat ein einzigartiges Druckverfahren entwickelt: Die gravure offset traité, auch Hoch-Tief-Druckverfahren genannt. Obwohl Becke das Verfahren in seinem Werkkatalog ausführlich beschreibt, wird es für den Laien sowie für den erfahrenen Künstler spätestens dann unverständlich, wenn Wolf Becke den mit Offsetfarben eingefärbten Druckstock mit schwarzer Farbe überzieht. Warum er das macht, lässt der Künstler offen. Das Geheimnis bleibt und verleiht seinen Arbeiten einen besonderen Charme.

Das weltweit einzigartige Druckverfahren ermöglicht dem Künstler ein großformatiges Arbeiten, eine hohe Farbigkeit der Abzüge sowie überragende aleatorische Möglichkeiten während des Druckverlaufs. Er vereinigt die Feinheit der Linien des einen Verfahrens mit der satten Farbigkeit des anderen. Einzelne Blätter bearbeitet er nachträglich mit Ölkreide, Ölpastell oder Aquarellstiften (traité). Die Arbeiten bewegen sich somit im Grenzbereich von Druckgrafik und Zeichnung.

Die Auflagenzahl ist bei der gravure offset traité begrenzt auf etwa 10 Abdrucke, von dem keiner dem anderen gleicht. Während bei den ersten Abdrucken die Farbe Schwarz fast malerisch vorherrscht, werden nach und nach die feinen Lineaturen des Cutters sichtbar, den der Künstler nutzt, um die Motive einzuritzen. Somit gleicht kein Blatt dem Anderen. Alle Abzüge einer Serie haben am Ende eine eigenständige grafische Anmutung, sind technisch unterschiedlich entstanden und somit Unikate.

In seiner Motivwahl ist der Künstler sehr offen und reagiert meist auf Sinneseindrücke. So können seine Werke von Kinderzeichnungen, den Nachrichten oder Reisen inspiriert sein. Eine Skizze macht sich der Künstler im Voraus nicht, sondern folgt während des Schaffensprozesses der Veränderlichkeit der Gedanken.

Beim Drucken denkt der Künstler oft an die Worte des bedeutenden, deutschen Grafikers HAP Grieshaber :

„Drucken ist eine Begegnung des Zufalls mit dem Sinnvollen. Drucken bedeutet das Erlebnis des Machens mit gleichzeitiger Kontrolle.“

Nach seinem Studium der Architektur, Kunst/Kunstpädagogik und Mathematik in Heidelberg und Karlsruhe (1976- 1981) arbeitete Wolf Becke (geb. 1954 in Waibstadt) mehr als 30 Jahre lang als Kunsterzieher und Mathematiklehrer an verschiedenen Schulen und ging zusätzlich Lehraufträgen nach. Seit 2014 hat Becke seine eigene Druckwerkstatt und Atelier in Freiburg.