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ISBN 978-3-00-063694-3

Sprache: Deutsch

Umfang: 64

Format (T/L/B): 21,0 x 29,0 cm

Erschienen am 21.12.2019

Beschreibung:

Das "gravure offset traité" (g. o. t.) Hoch-Tiefdruckverfahren mit Offsetfarben ermöglicht ein großformatiges Arbeiten, eine hohe Farbigkeit der Abzüge sowie überragende aleatorische Möglichkeiten während des Druckverlaufs. Das Buch umfasst eine Werkschau mit über farbigen 50 Abbildungen, eine Einführung in die grafische Technik, die Vita des Künstlers und die Einführung von T. Hofsäss.

 

 

 

Einführung von T. Hofsäss

 

Abenteurer des Zufalls

 

Mit meiner Frage im Kopf, warum sich heute, im Zeitalter des Digitaldrucks, noch jemand mit antiquierten Drucktechniken herumschlägt, betrete ich Wolf Beckes Atelier. In unserem Gespräch graben wir Schicht um Schicht immer tiefer. Und je länger wir miteinander reden, desto grundsätzlicher werden die Themen.

 

Von Drucktechniken war Wolf Becke schon immer fasziniert. Und damit nicht genug, Zeit seines Lebens wollte er den Hockdruck und den Tiefdruck kombinieren. Sein Ziel war es die Feinheit der Linien des einen Verfahrens mit der satten Farbigkeit des anderen zu verbinden. Drucken, das etymologisch von Drücken herstammt, dient der massenhaften Anfertigung von Druckerzeugnissen. Wolf Becke aber schafft in seiner Druck-Presse Unikate. Jedes einzelne Blatt, das vom Druckstock, einem Stück vorbereiteter Buchbinder-Karton, „abgeblättert“ wird, ist individuell. Jedes nachfolgende erscheint heller, die Farben lasierender, die Details feiner. Es entsteht eine Serie, die den gesamten Prozess markiert und mit Wertigkeit auflädt. Nach 10 bis 18 Drucken ist der Druckstock, durch den zunehmenden Anpress-Druck von Blatt zu Blatt, ausgequetscht, verbraucht. Nun ist es Zeit für die Magie des Trockenprozesses. Wie Tierhäute werden die Druckbögen auf den selbst gebauten Trockenböden ausgelegt und für die nächsten Wochen sich selbst überlassen.

Von den Höhen und gleichzeitig von den Tiefen einer Vorlage zu drucken sind nicht die einzigen Gegensätze, die Beckes Arbeit begleiten. Für ihn ist sein Atelier eine Welt ohne Zeit und Raum. Da gibt es nur noch ihn und das Bild. Wenn er einen Bogen des speziell für diesen Zweck entwickelten Papiers vom Druckstock abzieht, kommt es zu einem Ereignis, in dem sich die Gegensätze wieder vereinen: das zeitgleiche Drucken von Höhen und Tiefen, sowie die akribische Planung der Arbeit, synchron zu den Unwägbarkeiten der vielen Zufälle in der Ausführung. Außerdem die Komplementarität von Prozess und Ergebnis, von augenscheinlicher Schönheit und Verdrängtem, sowie von Norm und Regelbruch. Schon die Titelfindung bewegt sich zwischen Narrativ und Unbestimmtheit, genauso wie das Bild zwischen Gegenständlichem und Informel hin und her schwingt.

Je weiter er im Abdrucken der auf seinen Druckstock aufgetragenen Farbschichten nach unten dringt, desto mehr Helligkeit scheint vom Bildträger durch. Je tiefer, desto leichter. Schon wieder ein Widerspruch? Der Plattenrand hat eine entscheidende ästhetische Funktion, sagt Wolf Becke. Er muss perfekt gearbeitet sein, denn hier kommt das Bild an seine eigenen Grenzen. Nur noch die Betitelung und Notation gehen darüber hinaus. Sie gehören für ihn genauso zum Bild wie Name und Alter zu einer Person. Gleichzeitig stiftet der Künstler aber auch hier Verwirrung. Der Titel bleibt vage, lässt den Betrachter bewusst im Unbestimmten und Unbestimmbaren.

Wolf Becke will versöhnen, was sich auseinandergesetzt hat. Nicht im Sinne der friedlichen dialogischen Koexistenz der Dinge, sondern im Sinne einer Emanzipation der Elemente seines Fertigungsprozesses. Er hat ein Medium gefunden, in dem er es zulassen kann, wenn gegensätzliche Aspekte auf der Oberfläche jeden einzelnen Blattes wieder zueinander finden. Seine manuellen Fertigkeiten auf den einzelnen Stufen dieses Handwerks garantieren haptische Lust und gewährleisten ein hohes Maß an Steuerungsfähigkeit. Trotzdem ist der Zufall ein großer Mitspieler. Hier wird Wolf Becke, der Lehrer, wieder zum Schüler, zum Schüler des Zufalls.

Damit kommen wir zu unserer Ausgangsfrage zurück, warum sich jemand mit dieser doch recht aufwändigen Technik beschäftigt. Ich denke, dass die Antwort auf diese Frage weit über sich selbst hinausweist: das Haptische, die Werkstoffe, Kenntnisse und Erfahrung, Flächenaufteilung, Kontrast und Farbigkeit, Sehweisen, Standhaftigkeit, Ästhetik, kognitive Prozesse, das Gegensätzliche und immer wieder die Demut vor dem uns Zufallenden. Ich wünsche dem Leser und Betrachter dieses Katalogs und Wolf Beckes Werk viele erhebende und zugleich tiefsinnige Momente.

 

Theo Hofsäss, Präsident der Abstract Art Academy Freiburg und London, im September 2019